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Rüdiger Nehberg


„Du musst Musik haben, du musst einen Sonnenschirm haben und einen Regenpavillon.“
Vatertag

„Ich habe bewusst nicht die ganz schlimmen Bilder eingepackt.“
Rüdiger Nehberg

Wer hier zu Besuch kommt, wird genötigt, das Herrenhaus zu bewundern.
Gut Kamp

„Das sollten Sie mal fotografieren!“
Elblotsen

(Rüdiger Nehberg erzählt in Bad Bramstedt aus seinem Leben und von seiner Kampagne gegen weibliche Genitalverstümmelung; 2015)

Rüdiger Nehberg

Missionarischer Abenteurer

„Ich habe bewusst nicht die ganz schlimmen Bilder eingepackt.“ Damit meinte Rüdiger Nehberg, Abenteurer und Menschenrechts-Aktivist, nicht die Fotos, auf denen er sich übergibt, oder die Aufnahmen erschossener oder verbrannter Menschen; die zeigte er bei seinem Auftritt vor den Bad Bramstedter Landfrauen. Die Bilder, die er seinem Publikum ersparte, gehören zu seiner aktuellen Kampagne gegen die weibliche Genitalverstümmelung.
Begonnen hatte der Nachmittag im Tryp Hotel wie fast alle Treffen der Landfrauen: mit Kaffee, dazu Kuchen oder Käsebrot. Dann kündigte die Vorsitzende Angelika Scheiwe ein paar Termine an und bereitete die 115 Zuhörerinnen auf den besonderen Gast vor: „Wir freuen uns ganz doll.“ Knapp zwei Stunden später hatte sich die Stimmung vom jovialen Kaffeetrinken mit Begleitprogramm gewandelt zur betroffenen Runde von Frauen – und einigen Männern –, die tief bewegt waren von dem, was sie gehört und andeutungsweise gesehen hatten. „Die Bilder werden uns wahrscheinlich noch ganz lange verfolgen“, ahnte Vorstandsfrau Luise Meinert bei der Verabschiedung von Nehberg und seiner Frau Annette Nehberg-Weber.
In Bad Bramstedt präsentierte sich ein fitter Mann, dem man seine 80 Jahre trotz Hörgeräten und Brille kaum abnehmen will. Rüdiger Nehberg weiß um seinen Unterhaltungswert. Klar, wenn der Kerl auftritt, der Insekten isst und sich allein durch den Urwald schlägt, werden bestimmte Bilder erwartet; die lieferte der Bäckermeister aus der schleswig-holsteinischen Provinz: Nehberg mit Anakonda im südamerikanischen Dschungel, Nehberg im Fluss, Nehberg überquert den Atlantik auf einem Einbaum.
Nehberg fürchtet keine Peinlichkeit; er erzählt aus der Perspektive des Neugierigen, der einfach ausprobiert. Er machte kein Hehl daraus, dass ihn oft pure Abenteuerlust getrieben hat. Mit Survival hat er ein Thema gefunden, bei dem ihm Aufmerksamkeit gewiss ist. Er erklärte, wie man ohne Waffe ein Wildschwein fängt: in der Suhle eingraben, stundenlang warten und im richtigen Moment zupacken; aber nur die Hinterläufe, vorne beißt es.
Aber Nehberg machte auch deutlich, dass der wirtschaftlich abgesicherte Konditor mit bis zu 50 Angestellten sich vom Abenteurer – oder Spinner, je nach Perspektive – zum Kämpfer für Menschenrechte wandelte. „Ich möchte Sie ermutigen: Mit Fantasie und Geduld erreicht man mehr, als man denkt“, verkündete er gleich zu Beginn seines bebilderten Vortrags. Sein erstes großes Thema als Aktivist waren die Yanomami, ein ursprünglich lebender Indianerstamm im Grenzgebiet von Brasilien und Venezuela. 18 Jahre lang kämpfte Nehberg dafür, dass ihr Siedlungsgebiet nicht von Goldsuchern zerstört wird. Nehbergs Strategie: Er suchte Öffentlichkeit, um auf das Unrecht im Urwald aufmerksam zu machen und Brasilien unter Druck zu setzen. Er besuchte den Papst und schipperte im Einbaum über den Atlantik. 2000 wurde ein Friedensvertrag geschlossen.
Danach fand er ein neues Thema, für das er jetzt unterwegs ist; allerdings weniger geduldig, eher getrieben: „Für lange Umwege habe ich gar keine Lebenszeit mehr“, stellte er klar. Er wolle es noch erleben, dass die Praxis der weiblichen Genitalverstümmelung beendet wird, die bis heute vor allem in vielen Ländern Afrikas noch praktiziert wird.
Nehberg berichtete, wie er erstmals bei der Durchquerung einer äthiopischen Wüste davon hörte. Als Ausländer und Einzelperson etwas dagegen tun: Zuerst habe er nicht geglaubt, dass das funktionieren könne. Aber bei den Yanomami hatte er Erfolg gehabt, also nahm er sich der selbst gestellten Aufgabe an. Erster Schritt: Den „Mangel an Bildern“ beheben. Die Beschneidungen werden unter dem Deckmantel des Schweigens inszeniert, obwohl in einigen Staaten so gut wie alle Frauen betroffen sind.
Mit seiner Frau Annette gelangte Nehberg an die Bilder, mit denen er dann religiöse Führer aufsuchte. Die brachte er dazu, die Praxis als unvereinbar mit dem Islam zu verurteilen, inzwischen auf höchster theologischer Ebene. Jetzt geht es darum, diesen Spruch, die Fatwa, bis ins hinterste Wüstendorf zu verbreiten. Das ist sogar mit Rückendeckung der höchsten religiösen Führer ein schwieriges Unterfangen: „Den meisten Imamen fehlt der Mumm, das zu verkünden.“
Nehberg ist als Referent sehr gut, er hat sein Publikum im Griff und weiß genau, wie viel er ihm zumuten muss, um es aufzurütteln, ohne es zu verschrecken. Er setzt auf die Bilder, die sich jeder Zuhörer im Kopf macht.
Etwa zu dem Foto eines lächelnden Mädchens, sieben Jahre alt, dass im neuen bunten Kleid sitzt und sich auf den versprochenen schönsten Tag in seinem Leben freut. Auf dem nächsten Bild drücken mehrere Erwachsene das Kind zu Boden, den Rest erzählt Nehberg nur: Eine Frau entfernt ihr Klitoris, innere und äußere Schamlippen und näht die Vagina anschließend bis auf eine kleine Öffnung zu. Mit einem schartigen Messer, manchmal muss es ein Dosendeckel tun. Wochenlang liegt die Siebenjährige dann mit gefesselten Beinen, damit die Scheidenöffnung fast vollständig zuwächst. Ihr Mann wird in der Hochzeitsnacht die Öffnung wahrscheinlich mit Gewalt vergrößern, notfalls mit einem Dolch. „Urinieren dauert eine halbe Stunde, die Regelblutung zwei Wochen“, beschrieb Nehberg die Folgen; lebenslange Schmerzen sind nicht Ungewöhnliches.
Wenn die Kleine das Martyrium denn überhaupt überlebt: Nehberg zitierte Angaben der Weltgesundheitsorganisation, denen zu Folge ein Drittel der Mädchen an den Folgen dieser extremsten Form der Verstümmelung, der „pharaonischen Beschneidung“, sterben.
Er berichtete von einer Frau, die bei einer Stammesversammlung von ihrer Tochter erzählte: Die konnte nach dem Eingriff nie wieder gehen, sich nur noch auf Händen und Knien durch den Sand ziehen; bis sie sich mit dem Maschinengewehr ihres Vaters erschoss.
Eines der bewegendsten Bildern Nehbergs zeigt ein Mädchen, vielleicht neun oder zehn Jahre alt, das nach der Verstümmelung aus riesengroßen Augen in eine Welt starrt, mit der sie nichts mehr zu tun haben will: Sie habe seit dem Eingriff kein Wort mehr gesprochen, erklärte Nehberg.
Ein anderes Foto zeigt eine Mutter, die ihre Tochter auf dem Schoß hält und ihr die Beine spreizt, damit ihre Klitoris entfernt werden kann; eine weniger drastische Prozedur als die „pharaonische“, die aber auch ohne Betäubung, großartige Hygiene oder medizinische Kenntnisse vorgenommen wird.
Rüdiger Nehberg ist auch ein guter Regisseur: Nach diesen schrecklichen Eindrücken berichtete er von seinem Feldzug gegen die Genitalverstümmelung. Er stellte sein nächstes, natürlich wieder größenwahnsinniges, Projekt vor: Er will ein Transparent gegen diese Praxis an der Kabaa aufhängen, dem wichtigsten Heiligtum des Islam in Mekka. Schließlich entrollte er mit seiner Frau im Köhlerhof ein Transparent und forderte auf, seine Kampagne als Förderer mit 15 Euro pro Jahr zu unterstützen.
Am Büchertisch herrschte nach seinem Vortrag reger Betrieb.

Rüdiger Nehberg

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