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Gut Kamp


„Du musst Musik haben, du musst einen Sonnenschirm haben und einen Regenpavillon.“
Vatertag

„Ich habe bewusst nicht die ganz schlimmen Bilder eingepackt.“
Rüdiger Nehberg

Wer hier zu Besuch kommt, wird genötigt, das Herrenhaus zu bewundern.
Gut Kamp

„Das sollten Sie mal fotografieren!“
Elblotsen

(Besuch auf Gut Kamp im Kreis Segeberg, 2013)

Gut Kamp

Heimat Schleswiger Kaltblüter und schweres Erbe

Vom Esstisch aus lässt sich in Ruhe beobachten, wie das Postauto die gut 100 Meter lange Zufahrt hinauf rollt und dann seitlich aus dem Blickfeld verschwindet. Wer hier zu Besuch kommen will, muss erstmal um das große Haus herum, die Haustür mit dem wuchtigen Türknauf aus Messing liegt auf der Rückseite. Wer etwas von den Bewohnern auf Gut Kamp will, wird zuvor genötigt, Herrenhaus und Anlage zu bewundern.
Natürlich wurde in diesem Haus auch immer gewohnt, aber der tiefere Zweck der Anlage ist das Repräsentieren. Beim Umbau 1927 wurde das noch deutlicher, die Backsteinfassade wurde weiß verputzt und eine großzügige Terrasse angelegt. Der damalige Hausherr, Paul Isenberg, hatte eine Tochter aus der Hamburger Werft-Dynastie Blohm und Voss geheiratet, da musste es schon etwas schicker zugehen.
Als Erika Isenberg 1948 auf das Gut heiratete, verfügte sie noch über Hauspersonal: Ein Kutscher, eine Kochmamsell samt Gehilfinnen, Gärtner und Kindermädchen kümmerten sich um Haus, Grundstück und Bewohner. „Das war damals selbstverständlich“, stellt Erika Isenberg klar. Ihre Schwiegertochter Bente, heute Hausherrin auf Gut Kamp, muss sich mit einer Putzfrau begnügen, die einmal pro Woche dabei hilft, die 500 Quadratmeter Wohnfläche für die beiden Bewohnerinnen in Schuss zu halten.
Als das Gutshaus 1897 auf freiem Feld gebaut wurde, war Geld reichlich vorhanden. Paul Isenberg hatte in Übersee ein Vermögen gemacht, kehrte nach Deutschland zurück und kaufte für jedes seiner acht Kinder ein Gut. Eins der Anwesen war das Glottertal, später als Standort der ZDF-Schwarzwaldklinik berühmt geworden.
Paul Isenbergs Sohn Carl bekam Gut Kamp, aber die Jagd interessierte ihn mehr als die Landwirtschaft, er tauschte das Gut gegen ein Stück Wald. Seine Mutter Beta kaufte es zurück, so dass es an Carls Sohn Paul übergehen konnte. Der heiratete die erwähnte Hamburgerin und baute das Haus um. Mit Jürgen Isenberg, dem Ehemann von Erika Isenberg, übernahm die vierte Generation das Gut.
Ab 1990 bewirtschaftete sein Sohn Thomas die 180 Hektar bis zu seinem Tod 2010. Jetzt steht Thomas’ Witwe Bente Isenberg vor der Entscheidung, welches ihrer fünf Kinder das Gut übernehmen soll. Peter Isenberg, der zweitjüngste, arbeitet schon mit, er wird nach seiner Lehre noch ein Jahr die höhere Landbauschule besuchen.
Seit 1989 war Gut Kamp ein Bioland-Betrieb. Nach dem Tod von Thomas Isenberg wird er jetzt zurück auf konventionelle Landwirtschaft umgestellt. „Ich bin eigentlich eine Bio-Tante“, charakterisiert sich Bente Isenberg selbst. Aber sie hat sich damit abgefunden, dass in diesem Sommer die erste Ernte ohne Bio-Siegel von den 150 Hektar Ackerland eingefahren wird. Ihre Kinder haben es so entschieden.
Ihr bleiben die Pferde, die Gut Kamp bekannt gemacht haben: Seit 1953 werden dort Schleswiger Kaltblüter gezüchtet. Zurzeit stehen noch 20 Pferde in den Ställen, darunter drei Zuchthengste. „Wir haben gerade in Hamburg drei Tage lang Adlerfarn gewalzt“, berichtet Bente Isenberg von der Arbeit mit den großen Tieren. Biotoppflege, Holzrücken, Kutsch- und Planwagenfahrten sind typische Arbeiten mit Kaltblütern, aber das sind allesamt Nischen im Pferdegeschäft. Trotzdem: Gut Kamp ohne Kaltblüter, das ist für Bente Isenberg unvorstellbar: „Ich bin eine absolute Pferdenärrin.“
Familie und Tradition spielen eine wichtige Rolle auf Gut Kamp. Erika Isenberg brachte neun Kinder zur Welt, wenn Bente Isenberg zur jährlichen Familienfeier lud, kamen mehr als 50 Menschen zusammen. Ohne diese Feste ist es jetzt zwar entspannter für sie, „aber es fehlt auch etwas.“ Inzwischen ist ihre Tochter Anne in diese Tradition eingestiegen, aber die Treffen finden nach wie vor auf Gut Kamp statt.
Gleichzeitig hinterließ der Wandel der Zeit seine Spuren auf Gut Kamp. In den Anfangsjahren war Geld reichlich vorhanden, aber der Betrieb ächzte später unter einer großen Schuldenlast. Gravierend ist der soziale Wandel: Wo früher viele Menschen lebten und arbeiteten, wohnen jetzt nur noch zwei Frauen. „Das Haus muss belebt werden“, findet Bente Isenberg; und es soll einen Teil seines immensen Unterhalts selbst verdienen. Die Hausherrin überlegt, Ferienwohnungen darin einzurichten.
Ob Erika Isenbergs Schwiegermutter – die Hamburger Kaufmannstochter – das wohl gut heißen würde? Sie tat sich schon schwer mit dem Umbau, den Erika Isenberg in den 1950-ern vornahm: „Meine Schwiegermutter dachte, dass ich das Haus verderbe wenn ich die Küche nach oben hole.“
Die alte Küche im Keller gibt es noch. Bente Isenberg erhält den historischen Zustand weitgehend; aber der gemauerte Herd verfällt, eine Restaurierung würde 15 bis 20 000 Euro kosten. Das Dach des Herrenhauses müsste repariert werden, Bente Isenberg möchte im alten Kuhstall einen Pferdestall bauen. Aber alle diese Investitionen müssten „mit Sinn und Verstand“ gemacht werden, bremst sie sich selbst.
„Man ist nie fertig, das ist das Nervige“, sagt sie. Vielleicht ist das der Preis dafür, auf 100 Jahre alten Stühlen zu sitzen, die mit punziertem Leder in floralen Motiven bezogen sind. Nebenan, im großzügigen Salon, stehen silberne Kerzenhalter auf den Tischen, ein paar Türen weiter dient der alte Speisenaufzug als Wandschrank. Im Keller hängt noch die Gegensprechanlage, auf deren Tafel die Diener ablesen konnten, in welchem Zimmer sie den Tee servieren sollten. Aber ihren Tee muss sich Bente Isenberg selbst zubereiten.

Gut Kamp

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